37°: Die Reifeprüfung – Erwachsen werden in schwierigen Zeiten

Erwachsen werden ist immer kompliziert, aber wie schwierig ist es Abitur zu machen während einer Pandemie? Die Corona-Krise ist eine Zäsur, die eine Generation prägt. Es gibt jetzt das Leben vor Corona und danach.

Die Zeit des Abiturs ist an sich ein emotionaler Ausnahmezustand, Angst und Unsicherheit gehören dazu. Dafür soll nach den Prüfungen die große Freiheit kommen – der beste Sommer des Lebens. Stattdessen kam in diesem Jahr Corona.

Zoe ist 18 Jahre alt und besucht die Hamburger Klosterschule. Anfang März waren in Hamburg Ferien und Zoe im Skiurlaub. Danach sollten die Abiturient*innen ihren letzten Schultag haben, die Motto-Woche feiern und dann ab Mitte April ihre Prüfungen absolvieren. Doch wegen der Pandemie kam alles anders: Auf die Ferien folgte die Schulschließung, im Anschluss eine Debatte, ob und wie das Abitur stattfinden könnte. Zwei Hamburger Abiturient*innen starten eine Online-Petition und fordern ein Durchschnittsabitur: Die Noten der letzten zwei Jahre sollen den Abi-Schnitt bilden, ganz ohne Prüfungen. „Ich will kein Abitur ohne Prüfung. Wahrscheinlich heißt es sonst für immer, wir haben das Corona-Abitur, und das ist gar kein richtiges. Ich kann mich schon immer gut selbst organisieren, aber mich belastet die ganze Situation, nicht zu wissen, was passiert, nicht planen zu können für die Zeit danach“, so Zoe. Der Notendruck ist groß: Zoe will Jura studieren, am liebsten in Berlin. Dazu muss sie einen Numerus Clausus von 1,5 schaffen. Aber erstmal wollte sie im Sommer ihre erste große Reise antreten, monatelang durch Asien reisen. Jetzt liegen alle ihre Pläne auf Eis.

„Ich habe Angst, vor allem um meine Familie und vorerkrankte Freunde. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich vermisse meine Freunde, aber es macht mir Angst zu wissen, dass Millionen Menschen sterben könnten, wenn wir uns nicht an die Maßnahmen halten.“ Zoes beste Freundin Lucie (19) ist ein Einzelkind, seit Wochen hat sie ihre Freund*innen ausschließlich im Videochat gesehen. Lerngruppen dürfen nicht stattfinden, die Bibliotheken sind geschlossen, der Unterricht findet, wenn überhaupt, online statt. Lucie ist eine gute Schülerin, später will sie entweder Biologie studieren oder Kunst. „Es ist doch ein Lebensabschnitt, zwölf Jahre lang haben wir auf unseren Abschluss hingearbeitet und uns auf die Zeit danach gefreut. Und jetzt kann ich mich noch nicht mal an meinen letzten Schultag erinnern oder mein Abi so richtig  feiern. Gerade war ich noch eine ganz normale Schülerin und jetzt bin ich plötzlich erwachsen.“ Lucie und Zoe planen im Sommer nach Berlin zu ziehen und sind auf der Suche nach einer gemeinsamen WG. Vielleicht macht Lucie dort ein freiwilliges ökologisches Jahr, Auslandsaufenthalte sind wohl ohnehin kaum möglich. „Ich habe Angst davor, dass unser Leben nie mehr normal wird, so wie vorher. Es gibt so viele Themen, mit denen unsere Generation umgehen muss, von Klimawandel, über Genderfragen bis Rassismus. Und jetzt auch noch Corona.“

Für Owen und Quinten (20) aus Zoes Jahrgangsstufe am Gymnasium ist die Zeit der Kontaktsperre ein bisschen weniger einsam: Das ist der Vorteil, wenn man zusammen mit seinem Zwilling Abitur macht. Sie lernen zusammen, unterstützen sich gegenseitig. Nach dem Abi-Ball wollten die passionierten Gamer ein paar Wochen Familienurlaub in Korea machen, das fällt flach. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass uns die Pandemie auch Chancen bietet als Gesellschaft und zeigt, wozu wir gemeinsam in der Lage sind. Das finde ich viel wichtiger, als die Tatsache, dass ich vielleicht erst nicht in Urlaub fliegen kann oder erst später anfangen kann zu studieren“, meint Quinten. Eigentlich möchte Quinten ab September Games Management in Wedel studieren – ob das in Zeiten der Pandemie klappt? Owen benötigt für sein geplantes BWL-Studium einen guten Abschluss, aber mit Mathematik hat er im Home Schooling extrem zu kämpfen: „Das Abitur wird die größte Herausforderung meines Lebens. Und die Pandemie macht es für viele schwieriger, weil die Konzentration fehlt, wir Unterricht verpasst haben und man einfach schlechter lernen kann. Und das hat Auswirkungen auf unsere Zukunft.“

37 Grad begleitet vier junge Menschen beim Erwachsen werden in der Corona-Krise und zeigt, wie sich die Pandemie auf ihre Leben auswirkt. Wir erleben sie im Ausnahmezustand zuhause in ihren Familien, während der Prüfungen und dokumentieren, was danach in ihrem Leben passiert.

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Informationen zur Sendung

Sendedatum: Dienstag, 25. August 2020 um 22:15 Uhr im ZDF
Länge: 30'
Buch und Regie: Nadja Kölling
Kamera: Jens Hackbart, Benedict Sicheneder
Schnitt: Anja Schütze
Redaktion: Ulrike Schenk (ZDF)
Produktion: Alex Busch, Christin Gumpert, Marius Meckl
Herstellung: Ulrike Schwerdtner
Ausführende Produzentin: Anna Grün
Produzentin: Jasmin Gravenhorst
Drehort: Hamburg und Berlin